Frisch eingeschenkt

+++ Frisch eingeschenkt +++

„Die Folgen für den GFGH sind weitreichend.“ Kurzinterview mit Dirk Reinsberg (BV GFGH) und Andreas Vogel (GEVA)

Dirk Reinsberg, geschäftsführender Vorstand des BV GFGH

Andreas Vogel, Geschäftsführer GEVA

Die Corona-Krise hat vor allem die gastronomischen Betriebe und damit auch die in diesem Geschäftsbereich beliefernden GFGH-Unternehmen durch die vorübergehende Schließung stark getroffen. In diesen Tagen wurde bzw. wird nun – unter strengen Auflagen – die Gastronomie flächendeckend wiedereröffnet. „Frisch eingeschenkt“ sprach dazu exklusiv mit dem geschäftsführenden Vorstand des BV GFGH, Dirk Reinsberg, und dem Geschäftsführer der GEVA, Andreas Vogel, über die gegenwärtige Situation im GFGH.

Frisch eingeschenkt: Herr Reinsberg, die Gastronomie und Hotellerie trifft die Corona-Krise besonders hart. Viele der Mitglieder des BV GFGH tätigen ihre Geschäfte in diesem Bereich. Welche Situationsbeschreibungen wurden Ihnen von betroffenen Mitgliedern bis dato zurückgespielt?

Dirk Reinsberg: In einer Umfrage an die Mitglieder des BV GFGH und des VDGE gaben uns im März fast 200 Unternehmen Einblicke in die Auswirkungen der Corona-Krise. Sie berichteten über Herausforderungen sowie ergriffene Maßnahmen, um sich der Krise erfolgreich entgegenzustellen: Der Umsatz der Unternehmen sank im März im Vergleich zu 2019 durchschnittlich um 24 Prozent. Den Umsatzschwerpunkt macht zu 40 Prozent die Gastronomie aus, 16 Prozent entfällt auf Events. Da beide Absatzwege durch die pandemiebedingten Maßnahmen vollständig weggebrochen sind, lag der Umsatzrückgang bei gastronomie- und veranstaltungsorientierten Unternehmen deutlich höher, einzelne Unternehmen berichten uns davon, nur noch 6 Prozent ihres Umsatzes zu erwirtschaften. Knapp 43 Prozent der Befragten gaben an, durch die nicht absehbaren Folgen der Krise durchaus auch ihre Existenz gefährdet zu sehen.

„Einzelne Unternehmen berichten uns davon, nur noch 6 Prozent ihres Umsatzes zu erwirtschaften...“

Wir können davon ausgehen, dass ca. 85 Prozent der Betriebe Kurzarbeit beantragt haben, um die Auswirkungen des Lockdowns abzumildern. Rund 50 Prozent stellten ferner Anträge auf staatliche Liquiditätshilfen, weitere 22 Prozent schlossen eine zukünftige Beantragung nicht aus. Das macht deutlich, wie weitreichend die Folgen gerade auch für den Getränkefachgroßhandel sind.

Frisch eingeschenkt: Mittlerweile haben gastronomische Betriebe wieder geöffnet – allerdings unter strengen Auflagen (Abstände, Begrenzung der Auslastung etc.). Nach Schätzungen des DEHOGA können auf dieser Ebene nur 30 bis 50 Prozent des früheren Umsatzes erwirtschaftet werden. Darüber hinaus werden bis auf Weiteres Großveranstaltungen/Feste-Belieferungen etc. als Geschäftsfeld für den GFGH wegfallen. Wie bewerten Sie die Situation vor allem für die betroffenen GFGH-Betriebe?

Reinsberg: Durch die ersten Lockerungen in einigen Bundesländern kehrt das gastronomische Leben sehr langsam zurück. Wir müssen jedoch davon ausgehen, dass trotz Öffnung der ersten speiseorientierten Gastronomie die Umsätze in den nächsten Wochen sehr deutlich unter den Vorjahreszahlen zurückbleiben. Erheblich reduzierte Gästezahlen, nach wie vor geschlossene Geschäftstypen (Kneipen, Bars etc.) und ein wahrzunehmendes zögerliches Konsumverhalten des Verbrauchers sind keine guten Rahmenbedingungen für ein sich normalisierendes Geschäft.

Im Bereich des Fest- und Veranstaltungsgeschäftes ist es desaströs. Bis einschließlich 31. August sind alle Feste- und Großveranstaltungen untersagt und auch zeitlich später terminierte Veranstaltungen bereits größtenteils vorsorglich abgesagt worden, damit ist die Saison 2020 gelaufen. Für die betroffenen GFGH-Betriebe ist dieser Umsatzausfall nicht zu kompensieren. Hier kann nur noch der vom BV GFGH geforderte branchenübergreifende bedarfsorientierte Hilfsfond helfen. Wir brauchen kurzfristig weitere gezielte Hilfen mit einer Langfristperspektive für all die Unternehmen, die in Folge politischer Entscheidungen aufgrund der Corona-Pandemie auf unabsehbare Zeit keine oder nur geringe Einkünfte erzielen können bzw. keine Einkünfte erzielen konnten, aber weiterhin hohe Fixkosten hatten/haben (z. B. Gastgewerbe, Groß- und Einzelhandel, Veranstalter, Messebauer, Reisebüros, Schausteller, Dienstleister etc.). Hier ist die Politik gefordert branchenübergreifend zu handeln, um mittelständische Unternehmen zu erhalten.  

„Für die betroffenen GFGH-Betriebe ist dieser Umsatzausfall nicht zu kompensieren. Hier kann nur noch der vom BV GFGH geforderte branchenübergreifende bedarfsorientierte Hilfsfond helfen.“
 

Frisch eingeschenkt: Herr Vogel, die GEVA steht auch für eine Vielzahl gastronomieorientierter GFGH. Was empfehlen Sie betroffenen Mitgliedern/Gesellschaftern?

Andreas Vogel: Wir haben unseren Mitgliedern zunächst einmal alle relevanten Informationen zu kurzfristigen staatlichen Maßnahmen und Finanzhilfen zur Verfügung gestellt und zudem regelmäßig auf entsprechende weiterführende Informationsangebote unserer großen Dachverbände hingewiesen. Denn eines ist klar: Angesichts der Corona-Pandemie gilt es, die eigenen Kostenstrukturen unter Nutzung aller angebotenen staatlichen Unterstützungsleistungen frühzeitig und konsequent an die neue Situation anzupassen, und zudem die offenen Posten auf der Debitorenseite genau im Blick zu haben.

Des Weiteren haben wir aber auch Anregungen gegeben, wie der temporär stillgelegte Fuhrpark vielleicht dennoch genutzt und freie Personalkapazitäten ganz oder zumindest teilweise anderweitig ausgelastet werden können. Eine Möglichkeit besteht beispielsweise darin, bilaterale Absprachen mit anderen Unternehmen der Region zu treffen, die an ihren Kapazitätsgrenzen arbeiten oder sogar darüber hinaus. Der Getränkefachmarktbereich ist aktuell beispielsweise mehr als ausgelastet, der LEH hat(te) Probleme mit der Warenversorgung, und es gibt sicher noch weitere Branchen, die in diesen Krisenzeiten logistische und personelle Unterstützung dankbar annehmen. Bei solchen sicherlich ungewöhnlichen Maßnahmen sollte allerdings immer vorab die steuerliche und rechtliche Seite ausreichend geprüft werden.         

Frisch eingeschenkt: Wie stellt sich die Situation in der Corona-Krise aktuell konkret für die GEVA dar, und wie bewerten Sie entsprechende auf den Weg gebrachte Hilfspakte? Auf welche neue Situation stellen Sie sich mit der Wiedereröffnung der Gastronomie nun ein bzw. gibt es Überlegungen für Alternativen?

Vogel: Wir haben in unserem Vertriebsbereich GEVA Gastro logischerweise ebenfalls hohe Einbußen zu verschmerzen, wobei die GEVA finanziell so stabil aufgestellt ist, dass wir dieser Herausforderung auch über einen längeren Zeitraum Stand halten könnten. Als Arbeitgeber haben wir in den betroffenen Fachbereichen Kurzarbeit eingeführt und das Entgelt für die Arbeitnehmer um 20 Prozent aufgestockt. Zudem hat das Management freiwillig auf einen Teil des Gehaltes verzichtet.

In Bezug auf das bisherige Krisenmanagement der Politik vertrete ich persönlich die Meinung, dass die Verantwortlichen in dieser noch nie dagewesenen Krisensituation bis dato sehr schnell, umfassend und dabei besonnen agiert haben. Wir sind jetzt aber an einem Punkt angelangt, wo der Blick nach vorne gerichtet werden muss und klare Perspektiven für den Restart der Gastronomie gefragt sind. Dieser wird nämlich schwer genug, da die Umsätze im Zuge der Lockerungen zwar erfreulicherweise wieder anziehen, aber im Unterschied zu den Kosten sicherlich noch eine längere Zeit nicht das Ursprungsniveau aus der Vorkrisenzeit erreichen werden.

„Es sind klare Perspektiven für den Restart der Gastronomie gefragt ... die Politik sollte schnellstens für Planungssicherheit sorgen.“

Aus Sicht der GEVA Gastro haben wir uns mit dem letztjährigen Einstieg der F&B – Food and Beverage Services (FBS) als neuem Mehrheitsgesellschafter bei der GEVA eine sehr gute Ausgangslage verschafft, um die Marktführerschaft im nationalen Streckengeschäft mit einem starken Partner und einem damit einhergehenden, erweiterten Dienstleistungsangebot weiter ausbauen zu können. Hierzu passend werden wir mit Christian Hellmann als zweitem Verkaufsdirektor neben Anke Kaiser das neu aufgestellte Gastro Team zum 1. Juli wieder rechtzeitig komplettieren, um im zweiten Halbjahr neu durchzustarten.

Frisch eingeschenkt: Wo liegen Ihrer Meinung nach nun die größten Herausforderungen der „neuen Situation“?

Vogel: Die sehe ich ganz klar darin, seitens der politischen Verantwortungsträger nun ein ausreichendes Maß an Planungssicherheit für die Gesamtwirtschaft im Allgemeinen und für die aktuell besonders „gebeutelte“ Gastronomie- und Tourismusbranche im Speziellen herzustellen.

Frisch eingeschenkt: Vorsichtiger Blick nach vorne: Wie bewerten Sie die Zukunft für den gastronomieorientierten GFGH bzw. die Gastronomie selbst und welche Maßnahmen sollten bzw. müssen ihrer Meinung nach von politischer Seite umgesetzt werden (Bsp. Erweiterung der Soforthilfen, Rettungsfond etc.)?

Vogel: Die Lage dürfte sich aller Voraussicht nach nur langsam entspannen und auch erst dann wieder wirklich „normalisieren“, wenn tatsächlich ein Impfstoff entwickelt und in ausreichender Menge verfügbar sein wird. Dies ist leider vor allem für die Unternehmen, die im gastronomischen Sektor aktiv sind, keine erfreuliche, aber eine realistische Perspektive. Vor diesem Hintergrund müssen wir uns wohl oder übel in den nächsten Monaten auch auf eine Reihe von Insolvenzen bei solchen Betrieben einstellen, die aktuell über keine ausreichenden Rücklagen verfügen.

„Es sollte ein robuster Gesamtplan für die notleidende Gastronomiebranche erarbeitet werden.“

Für alle anderen ist es umso wichtiger, dass die Politik nun zwei Ziele ins Visier nimmt: Zum einen sollte sie schnellstens für die oben bereits eingeforderte Planungssicherheit sorgen (auf welche nächsten Lockerungsschritte kann man sich als Unternehmer unter welchen konkreten Voraussetzungen wann vorbereiten?). Zum anderen sollte ein robuster Gesamtplan für die notleidende Gastronomiebranche erarbeitet werden. Es gibt zwar bereits viele löbliche Einzelhilfen und Initiativen, aber ein übergeordnetes Gesamtpaket ist bis dato (noch) nicht in Sicht. Vielleicht ist hier ja Österreich ein gutes Vorbild, wo ab dem 1. Juli das sogenannte „Wirte-Paket“ greift, das umfangreiche Steuererleichterungen vorsieht.

Frisch eingeschenkt: Meine Herren, wir bedanken uns für dieses Gespräch.

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